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Literaturiens Blog

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»Haltet die Uhren an.

Vergeßt die Zeit.

Ich will euch Geschichten erzählen.«

 James Krüss

Conny aus Literaturien, Edelweiss und Euphelia, die Vereinsschreibfeder, halten Euch auf dem Laufenden über das, was auf Eurer "Insel" Literaturien vor sich geht. Ob kleine Momente der Freude, große Fortschritte, neue Ideen, Informationen über die kommenden und Berichte über die vergangenen Veranstaltungen - hier lest Ihr davon und kommt mit den beiden Schreibeifrigen ins Gespräch. Wir freuen uns über Eure Gedanken, Vorschläge, Beiträge in Form von Kommentaren. ♥

Euphelia zieht ihr silbernes Füßlein sachte aus ihrem silbernen Stiefelchen und ganz langsam setzt sie an zu einem ersten Federstrich. Wieder und wieder zögert sie. Wie soll sie diese Tage beschreiben? Nein, es ist kein normales Leben. Nein, es ist nicht wie früher. Wie war früher? Was ist normal? Was heißt DAVOR und DANACH?

Lieber kommt sie zu diesem Augenblick zurück, zum Hier und Jetzt. An vielen Tischen im Gutspark mit seinen alten Kastanien sitzen Gäste. Sie reden in langen Gesprächen miteinander. Bärbel und Heidi haben sich ein Jahr nicht gesehen, vorher nicht gekannt und beginnen ihr Wiedersehen, als hätten sie schon gemeinsam im Sandkasten gespielt. Was für eine Vertrautheit. Rosemarie spielt Didgeridoo am großen Ausguck und hat bereits ihre erste Runde mit Kennerblick durch die Pflanzenwelt hinter sich. Der von ihr gepflanzte Bienenbaum hat sich so üppg entwickelt, daß alle unter ihm wachsenden Pflanzen wahrhaft Untertanen geworden sind. Die aromatische Luft nach einem kräftigen Regen lockt Bienen und Hummeln förmlich an. Eben erst zog ein grummelndes Gewitter über die Sonnenschirme hinweg. Noch immer hört man das Donnern in der Ferne hinter dem Wald. Manch einer flüchtete sich kurz in das Haus, andere rückten einfach unter den Sonnenschirmen zusammen. Silke und Frank standen eng beieinander unter einem Regenschirm vor dem Garten-Salon, den richtigen Schlüssel am großen Schlüsselbund suchend, bis die Sonne sich schon hinter einer Wolke ein Guckloch gebohrt hatte. Der Park atmete unter diesem herrlichen Landregen auf. Zum Glück ist er in diesem Jahr so wild, wie schon lange nicht. Inseln von hohem Grün, verschiedenen Gräsern und bunten Wildblumen locken so viele Insekten an, das man nur staunen kann, wie vielfältig und farbenfroh diese Welt der fliegenden Gesellen ist. Im Garten wurden die ersten tiefroten Stachelbeeren geerntet und der Kuchen danach gelobt. Johannisbeeren reifen, Zucchinis werden immer dicker und länger. Connys Kürbisexperiment entpuppt sich als Umsetzung des Märchens „Der süße Brei“. Auf den Feldern rund um das Gutshaus herum reift das Korn. Hochsommer. Wie schnell die Zeit nach dem Schlüsseltag an der Gutshotelfamilie vorüber huscht.

Nicht nur bei Vollmond in den letzten Tagen haben sie Glühwürmchen beobachten können in den stillen Stunden der verträumten Abende. Lange saßen die Gäste beisammen in lauer Luft, am glimmenden Feuer unter einem sternenklaren Himmel. Manch ein Städter bestaunt hier die Vielzahl der Sterne – ja, hier gibt es eben viele davon, hat Conny geantwortet und leise in sich hinein gelächelt. Dieser Genuß einer puren Sommerabendromantik zeigt so deutlich, was sie alles vermißt haben. Und dabei gehört doch wirklich so wenig dazu. Gestern abend saßen zwei auf den Holzstühlen kuschelnd nahe beieinander, es war bald Mitternacht, und Conny ahnte, dies war ein Abend, an den beide noch lange denken werden. Zeit füreinander und miteinander, die Welt um sich herum einen Augenblick vergessen, der Stille zweisam lauschen. Und doch fällt es Conny gerade schwer, den Regen einfach zu genießen. Die schrecklichen Bilder aus anderen Teilen Deutschlands, irgendwie gar nicht weit weg, überschatten die Schönheit eines Gewitters mit Landregen. Wie ein kleines Mädchen ist sie von der Romantik in ihrem Park verzaubert, hat sie sich in den letzten Monaten wahrhaft neu verliebt in ihr Zuhause, teilt es einmal mehr von Herzen gern mit ihren Gästen, doch gerade die Regengüsse und Überschwemmungen werfen ihr erneut die Fragen nach dem Sinn ihres Lebens vor die Füße. Hat sie ihren Platz gefunden? Tut sie alles, um ihre Spuren in Raum und Zeit glückbringend und wohltuend und nützlich und sinnvoll zu hinterlassen? Ist das, was bisher war, stimmig? Was davon kann sie bewahren? Was sollte sie verändern?

Conny ist sich gerade nicht sicher, ob dies hier aufgeschrieben gehört, aber Euphelia schreibt einfach ohne zu fragen. Sie wird aufpassen in den nächsten Tagen, daß Connys Gedanken sich erst zu Bildern im Kopf und dann zu Worten formen. Man merkt Conny diese Unruhe viel zu schnell an, wenn sie eben alles auf einmal tun will, wenn der Tag nicht ausreicht für ihre Vorhaben und das System der Prioritäten aussieht, als wenn im Bus alle Gäste in der ersten Reihe sitzen wollen, und wenn sie jeden Tag Brot bäckt, sodaß selbst Edoard, der Roggensauerteig, fast aus der Puste kommt.

 
 
 

Euphelia hat sich endlich einen oberen Platz in Connys Ich-Tu-Liste erkleckst. Alles, was auf dieser Liste jetzt noch vor ihr steht, hat sie mit Tinte überspritzt. Spitzbübisch lächelt sie von ihrem Schreibtisch herunter – ich war das nicht!!! Sie will jetzt endlich raus aus ihrem silbernen Stiefelchen und in Bewegung kommen. Immerhin ist Euphelia die Hausschreibfeder. Gestern vor genau vier Wochen drehte sich der Schlüssel im Schloß. Na, ist es denn jetzt etwa langweilig? Oder warum ruft keiner nach Euphelia zum Diktat? Viele Menschen hat Euphelia inzwischen kommen und gehen sehen. Wie schnell sich alles wieder wie immer anfühlt, wie VORHER, als wären zwei Wochen Urlaub gewesen und nicht sieben Monate Stillstand. Die Gutshotelfamilie begrüßt und verabschiedet, oft mit Hurra, oft mit Tränen der Rührung, so oft mit strahlendem Lachen. Euphelia spürt jeden Tag aufs Neue den Stolz, die Begeisterung, die Leidenschaft. Es gibt es noch, das Bücherhotel mit seinem zauberhaften Verwöhnort. Und nichts tun sie hier gerade lieber, als endlich wieder sich kümmern, als Wünsche erkennen, bevor sie ausgesprochen wurden. Doch es gibt einen ganz besonderen Grund, warum Euphelia nicht einen einzigen Tag länger auf ihren Einsatz warten will. Sonnabend kam ein dicker Briefumschlag von Renate und Bernd. Darin ist ein geheftetes Buch aller Einträge von Euphelia seit Beginn in 2019. Seite für Seite haben Renate und Bernd ausgedruckt, mit allen Bildern und ein Buch daraus gestaltet. Es ist dick. Und es ist jetzt eine Geschichte, die wahrhaft in der Zeit DAVOR beginnt. Wie spannend wird es wohl sein, diese vielen Seiten hintereinander zu lesen. Euphelia ist so sehr dankbar über dieses riesengroße Geschenk. DANKE!!!!!!! Von ganzem Herzen Danke! Vielleicht ist dieses prachtvolle Buch als  Aufforderung auf den Punkt gelungen: nämlich, nicht mehr so wortlos am ersten Satz zu knabbern, sondern endlich wieder das Treiben und bunte Leben zu beschreiben. Immerhin ist Euphelia ja die Hausschreibfeder. Ab morgen wird sie per Klecks in bernstein wieder heftig daran erinnern, daß sie für die Klicks verantwortlich ist. Versprochen!!! Renate und Bernd, ihr bekommt also wieder Stoff. Nochmals Danke!!!!!

 
 
 

Euphelia ist gerührt, erstaunt, begeistert. Nun kehrt bereits am zweiten Abend der neuen Zeitrechnung Ruhe ein im Park und im Haus. Was für ein Tag – DER Schlüsseltag gestern. Mit 23 Gästen startete die Gutshotelfamilie in die neue Zeit. Zauberhafte Helfer hatten am Wochenende bereits Hand angelegt, damit auch die restlichen Arbeiten in der BuchBar, im Park und in Eulenhausen fertig wurden. Da wurde die rustikale Sitzgruppe an der Buchenhecke komplett geschliffen, neu zusammen gebaut und gestrichen. In der Buchbar wurden die letzten Waren eingeräumt und Preisschilder kreativ entworfen. In Eulenhausen ist die Telefonzelle nun komplettiert mit Bücherregal und Münzfernsprecher für Selbstgespräche. Heu wurde im Park geharkt und die uralte Sense im Takt zum Freischneider geschwungen. Noch am Vormittag des Schlüsseltages war Conny im Park unterwegs.

Euphelia schüttelte das ganze Federkleid. Wie will die denn wohl um 14 Uhr die Tür aufschließen. Schade, daß Conny anschließend wirklich lange duschen mußte, um wieder ein nichtniesender Mensch zu sein. So verpaßte sie die Möllis, die mit einem ganzen Schloß ihre Aufwartung machten.

Blumen wurden per Floristen geschickt und sooo viele beste Wünsche und liebe Grüße erreichten Conny und die Gutshotelfamilie per Mail und WhatsApp. Ein wahnsinniges Gefühl von Verbundenheit überkam Conny und immer wieder endete es in einer Flut von Tränen. So langsam, ganz langsam kommt die Gewißheit an. Sie haben es wirklich überstanden. Wenn Liane zu Conny kommt und mit einem Zwinkern gestern flüstert: „Ich bringe jetzt die ersten Teller raus!“ Wenn Maxi von draußen kommt: “ Du, da sitzen Menschen im Park. Es wird gelacht.“ Wenn Engelchen sich freut: „Conny, ich kann es noch, sie haben mein Frühstück gelobt.“ Euphelia kommt aus diesem Lächeln gar nicht mehr raus. Das ist also der Stoff, der gute Laune macht. Vielleicht sind es noch einige Tage, mehr bestimmt nicht, dann hat sie alle der Alltag wieder eingeholt. Doch, eines ist ganz sicher: Dieses große Gefühl von Stolz, von Vertrauen, von Liebe zu diesem Ort wird sie tragen. Unvergesslich. Unumstößlich. Und an diesem großen Gefühl dürfen alle Gäste teilhaben. Dies ist eine Begründung dafür, was diesen Ort, diesen Urlaub so magisch macht, was ihn zur Sehnsucht wachsen läßt, wenn man ihn zwischendurch verläßt. Die meisten kommen wieder. Einige, so wie Conny, Torsten und Maxi und ihre Gutshotelfamilie bleiben und passen auf und werden weiter Geschichte schreiben, gemeinsam mit ihren Gästen hinter geöffneten Türen.





 
 
 
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